Wenn die Nacht am tiefsten ist…

…ist der Tag am nächsten (Ton, Steine, Scherben). Zumindest für mich ein Song gegen die Ohnmacht der „bleiernen Zeit“ im „Deutschen Herbst“. Aber ist denn wirklich, wie der Dichter sagt, das Rettende nah, wenn die Not am Größten?

Delfine in den Kanälen von Venedig, zurückgehende Schadstoffbelastungen über China, für Klima und Umwelt scheint die „Coronakrise“ den Einschränkungen für Wirtschaft und Reiseverkehr wegen, eine Erholungspause mit sich zu bringen – es scheint so, als könne Deutschland auf diese Weise sogar die Klimaziele einhalten.

Mathias Horx und andere entwerfen Zukunftszenarios für eine ideale, solidarische Gemeinschaft, so als liefere die Pandemie ein „kathartisches“ Element, gleich der reinigenden Kraft des Fegefeuers. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Prepper und faschistische Kameradschaften wie „Nordkreuz“ und „Uniter“ die Krisen herbeisehnen, weil sie Massenpanik und Angst als Grundlage für einen Umsturz sehen. Lassen wir für den Moment einmal die rechten Umsturzfantasien beiseite, stellt sich doch die Frage, worauf sich die erstzitierten Hoffnungen stützen.

Natürlich kann man annehmen, dass Menschen zur Kooperation und Solidarität fähig sind und dies schon als Kleinkinder. Sucht man dieser Tage (Stand: 24.03.2020) als Senior:in auf der mittleren Bergerstraße in Frankfurt etwa Klopapier, könnten Zweifel aufkommen. Die Diskussionen um die Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus den Lagern auf Lesbos, die Schwierigkeiten, solidarisches Denken und Handeln bezogen auf die drohende Klimakatastrophe einzufordern und entsprechende gesellschaftliche Veränderungen auf den Weg zu bringen, legen das Gegenteil nahe.

Und doch sind wir bereit, unter dem Eindruck der „Coronakrise“ Verzicht zu leisten, nehmen Einschränkungen unserer Bewegungsfreiheit hin, akzeptieren, etwa in Bayern, die Ausrufung des öffentlichen Notstandes. Die Begriffe die hier leitmotivisch sind, heißen: „Covid-19“ und „Coronatote“.

Judith Rackers hat in der „Tagesschau“ vom 23.03.2020 um kurz nach 20 Uhr die Coronaberichterstattung den Vortag zu den Fallzahlen mit der Zahl der „Coronatoten“  in Italien ergänzt, bebildert wurde diese Sequenz mit Archivaufnahmen eines Militärkonvois, der Leichen aus einem Hospital in Bergamo zu einem Krematorium bringe. Nun, zum einen kann man sich fragen, warum die materielle Information diese Bilder brauchte – zumal es sich, wie gesagt um schon mehrfach benutzte Archivaufnahmen handelte. Der „Frame“, der Rahmen des Beitrages war, wie gesagt, die „Coronakrise“. Die Dringlichkeit des Anliegens wurde durch eine suggestive Inszenierung unterstrichen: Militär-LKW signalisieren eine hohe Ausprägung des Notstandes, der Begriff „Coronatote“ Fragen von Leben und Tod. Nun, abseits der Schlagzeilen weisen alle mit den medizinischen Fakten vertrauten Fachmenschen darauf hin, dass letztlich das Corona-Virus in seiner spezifischen Auftretensform alle Gesellschaften gleichermaßen zu durchdringen scheint – und dies in hoher Geschwindigkeit, die Toten aber fast ausschließlich aus besonders vulnerablen Bevölkerungsschichten stammen: Alte und sehr alte Menschen aus dichtbesiedelten Gebieten mit hoher Luftverschmutzung und durch diese ausgelösten Atemwegserkrankungen, die in der Regel mit Herz- Kreislaufschäden einher gehen.

Der Erzählungsrahmen

Bleiben wir für einen Moment bei dem Phänomen des „Framing“, also der üblichen Strategie, Anliegen, Erzählungen in einen erwartbaren Kontext zu stellen, also zu „rahmen“. Ein illustrierendes Beispiel könnte so auftreten, dass nämlich ein Gast in einem Restaurant zu der Bedienung sagt: “Herr Ober, in meiner Suppe ist eine Fliege“. Antwortet der angesprochene Mensch mit: „Da haben Sie aber Glück, normalerweise meiden Fliegen unsere Suppe“, wird der narrativ angelegte Rahmen durchbrochen – darauf beruht der Witz. Aus der Perspektive des Gastes verhält sich der Kellner inadäquat – und dennoch hat dieser die Lacher auf seiner Seite, obwohl wir, aus der für die meisten von uns ja vertrauten „Gastrolle“ heraus, mit diesem solidarisch fühlen könnten.

Das „Framing“ im medialen und politischen Raum steckt die Möglichkeiten einer politischen Erzählung oder eines Diskurses ab, indem es die „angemessenen Sprachregelungen“, die zugehörigen Begriffe und auch den Rahmen festlegt, innerhalb dessen verhandelt werden kann: Wenn ich also mit der Begrifflichkeit „Coronatote“ eine lebensbedrohliche Gesamtsituation suggeriere und diese Behauptung mit Bildern eines Militärkonvois illustriere, liefere ich einen Bedeutungsgehalt, der „Notstand“ und entsprechende Maßnahmen nahelegt. Probeweise empfehle ich etwa die Sprachregelung (für Nachrichten und andere Kontexte): „Leider waren in der Region um Bergamo heute wieder viele Tote zu beklagen. Es handelt sich hierbei zu XY-Prozent um Menschen mit gravierenden Vorerkrankungen in hohem Lebensalter, die häuslich oder in den Pflegeheimen leider derart unterversorgt waren, dass sie erst in sehr fortgeschrittenem Stadium ihrer Erkrankungen, die teilweise auch auf die extreme Luftverschmutzung der Region zurückzuführen ist, in stationäre Behandlung kamen…“. Die toten Senior:innen, die einige Tage in einem spanischen Pflegeheime unentdeckt blieben, weisen weniger auf die „Coronakrise“ als auf Vernachlässigung und Verantwortungslosigkeit der Heimbetreiber hin.

Gesundheitsvorsorge

Bevor ich zu der Frage der möglichen Sinnfälligkeit der beschriebenen medialen Strategie komme, noch ein Beispiel dafür, wie mit einem entsprechenden Narrativ ein „Rahmen“ geschaffen wird: In der „Frankfurter Rundschau“ vom 24.03.2020 (s.u.) ist zu lesen, die Wiesbadener Kliniken, allen voran die „Horst-Schmidt-Klinken“(HSK) würden die Zahl der Beatmungsplätze stark erhöhen. Dieses Narrativ soll intensive Vorbereitung und Fürsorge suggerieren. Dies reflektiert die Zahlen, die darauf hinweisen, dass eine Vielzahl Erkrankter an „Akuten Lungenversagen“ versterben, also beatmungspflichtig werden (s. auch Zahlen des RKI im Anhang). Mal abgesehen davon, dass dem Vernehmen nach derzeit praktisch keine Beatmungsgeräte auf dem Markt sind, gehört zu einem Beatmungsplatz noch jede Menge anderes Gerät, dass wahrscheinlich auch nicht sofort zur Verfügung stehen wird – es sei denn, die jeweiligen Hersteller wir „HP“ geben ihre Patente frei und machen die Anstrengungen von VW und BMW, im Rahmen von Konversion Medizintechnik herzustellen, möglich. Viel gravierender ist ein anderes Problem: Beatmungspflege ist ungeheuer personalaufwendig und es bedarf Fachkräfte mit entsprechenden Spezialisierungen. In der Personalbemessung geht man von einer Quote von 2:1 aus, d.h., auf je zwei Betten entfällt eine Pflegekraft. Um dies vollschichtig zu ermöglichen braucht es für diese zwei Plätze mindestens sechs Spezialist:innen, hier sind aber keine Ausfälle kompensierbar – man geht von einer zusätzlichen vollen Stelle zur Kompensation aus – da wären wir also bei sieben Fachkräften (s. auch Foliensatz S. Quast im Anhang). Bei 34 zusätzlichen Plätzen in den HSK wären dies also 119 Vollzeitäquivalente. Rechnet man die in Care-Berufen übliche Teilzeitquote hinzu, reden wir von etwa 160 Personen mit mindestens dreijähriger grundständiger Berufsausbildung und hoffentlich einjähriger berufsbegleitender Zusatzqualifikation – wie soll das bitte gehen? Zumal europaweit die Krankenhäuser „auf der Felge“ gefahren werden, der „Pflegenotstand“ endemisch ist, weil seit 30 Jahren darauf gesetzt worden ist, dass man mit immer weniger Personal in den Häusern immer mehr Geld verdienen würde ( dazu auch Schreiben der Belegschaften aus Berlin im Anhang). Also „Augenwischerei“? Nein, so weit würde ich nicht gehen: Es ist auch der Versuch zu demonstrieren, dass Politik und Klinikbetreiber versuchen Vorsorge zu treffen und Ressourcen irgendwie zur Verfügung zu stellen. Insofern sind wir in Deutschland tatsächlich besser dran als im restlichen europäischen Ausland: In Italien, Spanien und Frankreich ist das Gesundheitswesen schon vor „Corona“ unter den von Deutschland maßgeblich verlangten Spardiktaten zusammengebrochen, der „öffentliche Sektor“ marginalisiert worden. Auch dies trägt zu der beschreibbar desolaten Situation bei.

Doch zurück zu Fragen des spezifischen „Corona-Framings“ über Opferzahlen:

Cui bono?

Nun – das „Framing“ schafft einen diskursiven Rahmen, dessen Sinn darin besteht, Notfallmaßnahmen treffen zu können, um „Leben zu retten“. Das führt – dadurch das „Leben retten“ ein hohes normatives Ideal ist – dazu, dass Kritiker:innen an Einzelmaßnahmen oder dem narrativen Framing entweder unterstellt wird, dass sie willens sind, Menschenleben zu risikieren, zynisch und empathielos mit den Opfern in Italien und Iran etc. umgehen, oder „Verschwörungstheoretiker“ sind. Selbst da, wo sich die Behauptungen belegen lassen und die Rechtswidrigkeit einiger Maßnahmen ja tatsächlich auch breit diskutiert wird (s. den Beitrag von K. Thorwarth im Anhang). Der beschriebene Rahmen soll in meinen Augen mehreren Zwecken dienen: Er vermittelt ein starkes Schutznarrativ, in dem jene, die für die „öffentliche Ordnung“ einstehen begründet zum Wohle Aller handeln (wer daran zweifelt stellt sich tendenziell außerhalb dieser Gemeinschaft). Der „starke Staat“ (als Synonym für den „wehrhaften Staat) vermittelt den etwa 25% der Bevölkerung, die gerade in Krisenzeiten eine „starke Führung“ suchen (man erinnere sich an entsprechende Studien von Adorno bis Heitmayer) das Gefühl, man überlasse sie nicht der Angst und dieser Staat zeigt exekutive Präsenz, er macht deutlich, dass er „Putsch- und Aufstandszenarios“ von rechts widerstehen will. Also alles zu unserem Besten?

Ich bin skeptisch: Jean Luc Nancy beschreibt, eine Gemeinschaft brauche konstitutive Erzählungen. Nun – und dies war ja die Eingangsfrage, wie könnte also eine Erzählung aussehen, die gemeinwohlorientiert, solidarisch, ökologisch, geschlechtergerecht – und der Forderungen mehr – ein gemeinsame Idee von Gesellschaft zu tragen im Stande ist. Ich meine: Sicher nicht auf Basis einer „militärischen Logik“. Es geht nicht um einen „Krieg“, den es zu gewinnen gelte, wie die Macrons, Contes, Orbans und Trumps dieser Welt suggerieren. Sondern es geht um eine Pandemie, wie wir sie zukünftig, eben auch unseres Raubbaus an der Natur wegen, häufiger haben werden. Für diese müssen wir zukünftig besser gewappnet sein – auch in dem wir in den Zeiten dazwischen (oder aus heutiger Perspektive: danach) die Ressourcen dafür schaffen. Um das Krankenhausbeispiel aufzugreifen: „Gesundheit“ muss als „Gemeinwohlaufgabe“ definiert sein, in einem ersten Schritt braucht es u.a. die Re-Kommunalisierung der Klinken und eine geänderte öffentliche Versorgungsstruktur. Dafür sei kein Geld da? Naja, das war das alte Lied: Olaf Scholz und die Seinen beweisen doch, dass dies ein „Märchen“ war, das Narrativ, das „Framing“ von der „Alternativlosigkeit“ und den „Kräften des Marktes“.

Packen wir´s an!

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html

https://www.fr.de/rhein-main/wiesbaden/wegen-corona-virus-zahl-beatmungsplaetze-wiesbaden-fast-verdoppelt-13610933.html

http://www.schichtplanfibel.de/fachtag/beitraege-zur-tagung/susanne-quast-personalbemessung-intensiv.pdf

https://www.fr.de/politik/coronakrise-deutschland-sind-kontaktsperren-ausgangsbeschraenkungen-rechtswidrig-13611821.html

https://www.spiegel.de/kultur/corona-krise-befehl-von-oben-befehl-von-unten-a-291e1a0f-7465-440d-843e-8cfdb1c2a41f

Zahlenspiele

Pressekonferenzen des „Robert-Koch-Institutes“ haben auf mich eine grauenhafte Wirkung: Die materiellen Zahlen zur Ver- und Ausbreitung der „Covid-19“- Pandemie, zu den Betroffenen, den Toten, machen mich klein und ängstlich. Ähnlich geht es mir bei der Beschäftigung mit den diversen Nachrichtekanälen, gleich, ob sin um abonnierte, etwa auch französisch-, englischsprachige oder die „Tagesschau“ handelt. Aus dieser Ängstlichkeit heraus scheinen die dann vorgetragenen Maßnahmen zur Eindämmung dieses Ausbreitungsgeschehens logisch und angemessen. So folgerichtig, dass ich die damit verbundenen Einschränkungen, etwa die Beschränkung meiner Bürgerrechte, gutzuheißen oder zumindest hinzunehmen bereit bin. Erst ein kleiner Abstand, ein Innehalten – zu welchem ich mich jetzt geradezu zwingen muss – erlauben es mir, zum einen etwas distanzierter mit dem umzugehen, was mir, uns, an Zahlen präsentiert wird und zum zweiten: auch das Gefühl zu entwickeln, dass diese Zahlenkaskaden nicht nur etwas Einschüchterndes haben, sondern eben auch einschüchtern sollen. Der bedrückendste Topos hierbei ist der Begriff der „Coronatoten“:

Niemand von uns möchte, ganz gleich ob persönlich oder mittelbar, verantwortlich für den Tod Anderer sein. Auch nicht durch Unterlassen von Vorsichtsmaßnahmen. Für mich gilt in Zeiten wie diesen, als Teil dessen, was aus Alters- und Gesundheitsgründen „Hochrisikogruppe“ genannt wird, auch ein hohes „Passivrisiko“ durch Ansteckung durch andere, was ich letztlich nur durch entsprechendes Verhalten zu steuern versuchen kann. Also: Niemand möchte für den Tod von Mitmenschen verantwortlich sein, dafür nehmen wir die skizzierten Einschränkungen in der Regel in Kauf. Nur – etwas besonnener gefragt – was sind das für tote Menschen, die, um ein Beispiel zu nennen, in Bergamo mit Militärlastern aus der Stadt gefahren werden? Haben wir es tatsächlich mit einer Analogie zur „Pest“ zu tun, was die Kommentare über das einsame Sterben in den Institutionen oder zuhause suggerieren?

Bernd Hontschick hat in seiner Kolumne in der „Frankfurter Rundschau“ vom 21.03.2020 (s.u.) einige Zahlen zitiert. So gibt er die tägliche durchschnittliche Todesrate in Deutschland mit 2500 Fällen an. D.h., so viele Menschen sterben täglich an den Folgen von Erkrankungen, im Alter, an Unfällen, Folgen von Gewaltverbrechen – einige auch an Infektionen, die zumindest todesbegünstigend sind, manchmal auch todesursächlich, etwa wenn ein vorbelastetes Immunsystem mit dieser zusätzlichen Belastung der Infektion nicht mehr zu Rande kommt. An dieser Stelle spielen die jährlichen Grippewellen eine Rolle, viel mehr noch aber die 30.000 Menschen, die sich jährlich in deutschen Krankenhäusern infizieren. Wenn also heute etwa von 100 „Coronatoten“ die Rede ist, meint dies, vorbehaltlich dessen, dass Obduktionen nicht andere Ergebnisse zeitigen würden, dass 99 dieser Menschen ohne Zutun einer „Coronainfektion“ gestorben wären, einer dieser Menschen hätte ohne diese Belastung überlebt. Wobei bei auch bei den jüngeren Verstorbene, soweit die Obduktionsergebnisse kommuniziert wurden, gravierende, aber bis zu diesem Zeitpunkt unentdeckte Krankheiten festgestellt wurden. Warum verzichtet das „Robert-Koch-Institut“, verzichten die Medien auf diese Klarstellung?

Überhaupt: Wenn die so genannten „nosokomialen“ Infektionen, also solche, die während der Behandlung im Krankenhaus, etwa durch Hygienemängel, entstehen eine derart hohe Sterblichkeit nach sich ziehen: Wie konnte es zu diesen Zuständen – die letztlich höhere Todesraten als „Covid-19“ nach sich ziehen – kommen und warum stellt sich das Gesundheitssystem nicht entschieden dagegen? Einfach nur „zweierlei Maß“?

Datenerhebung

Auch andere Zahlenkolonnen werfen Fragen auf: Wenn Zahlen über die Ausbreitung referiert werden, auf welche Bevölkerungsstrukturen und-bedingungen beziehen sich diese? Also: Wer wird wann und wie getestet? Wenn etwa jede Person auf der Straße getestet wird, habe ich eine hohe Wahrscheinlichkeit, viele „Fälle“ zu identifizieren – was aber über die Krankheitsverläufe und die Sterblichkeit überhaupt Nichts aussagt. Wenn ich alle Menschen teste, die im Gesundheitssystem versorgt werden müssen, besonders dann, wenn ich vorzugsweise in Krankenhäusern und Alteneinrichtungen teste, habe ich ebenfalls hohe Durchdringungsraten und, der Vorbelastungen der betreffenden Personen wegen, auch hohe Mortalitätsraten – wobei für diese dann das Virus aber letztlich meist nicht letztursächlich ist. Statistische Verzerrungen ergeben sich auch daraus, dass die Infektionsraten in dichtbesiedelten Stadtteilen und Landstrichen, in Abhängigkeit und Armut und Hunger und damit auch in direktem Zusammenhang mit Ressourcen und Kapital unterschiedlich aussehen. Hier werden also im Extrem „Hungertode“ durch den Begriff der „Coronatoten“ kaschiert. All diese Erläuterungen gehören aus meiner Sicht dazu, wenn man „mit Zahlen Politik“ macht.

Und an dieser Stelle noch ein letztes Moment: Wenn davon gesprochen wird, „von Gestern bis Heute“ seien die Erkrankungszahlen um soundso viele Betroffene gestiegen, ist das „Augenwischerei“. Es müsste korrekt heißen: Wir haben im Zeitraum XY eine Zunahme als „positiv“ getesteter Personen gehabt – über deren Gesundheitszustand wir aber mit diesen Zahlen Nichts sagen können – wir spüren alle, dass dies den Nachrichtenwert deutlich schrumpfen lassen würde.

Eine letzte Bemerkung noch zu den „Zahlenspielen“: Die Zahlen von heute, sind die erfassten Personen von vor- oder vorvorgestern. Wir reden also über nachlaufende Summationen. Unter den oben beschriebenen Konditionen ist es sehr wahrscheinlich, dass die „aktuellen“ Zahlen das tatsächliche Ausbreitungsgeschehen „verzerrt“ abbilden: Im günstigsten Fall scheinen, auch der relativ langen Inkubationszeit wegen, die Zahl der „positiv Identifizierten“ zu steigen, der tatsächliche Peak ist aber erreicht und der Trend geht nach unten. Denkbar natürlich auch, dass selbst bei ausreichenden Verhaltensvorschriften sich dies erst mit einer entsprechenden Latenz von mindestens einer Woche abbildet. Suggeriert wird aber ein Handlungsdruck, der sich aus der „Aktualität“ der vorgestellten Ergebnisse ergebe. Dies ist pure Angstmacherei und Menschen wie Markus Söder müssen sich unterstellen lassen, dass sie tatsächlich andere Motive haben, aus denen sie den starken Ordnungsstaat puschen. Ein Schelm, wer hier nicht an das Rennen um die Kanzler:innenkandidatur bei den Unionsparteien oder Schlimmeres denkt.

Kalte Panik

Lassen wir einmal krude Verschwörungstheorien beiseite, bleibt dennoch die Frage, weshalb die Stimmen, die ähnlich oben Gesagtem argumentieren, so wenig gehört werden. Weshalb ermöglicht es die „Corona-Panik“ – neben „Hamsterkäufen“ der Einschränkungen von Freiheitsrechten – nun plötzlich das bis gestern noch als nicht hinterfragbare Mantra der „Schwarzen Null“ aufzugeben? Menschen, die dies mit der Notwendigkeit von Investitionen in öffentliche Infrastruktur gefordert hatten, die die Weisheit der Entschlüsse, diesem Credo Verfassungsrang zu zugestehen bezweifelt haben, galten gestern noch als „sozialistische Spinner“, die sich an der Zukunft der Kinder vergehen wollten. Noch schlimmer jene, die über gesetzliche Regulationen für den Wohnungsmarkt oder (Teil-)Verstaatlichung  von Unternehmen nachgedacht haben – heute geht dies Alles in unglaublicher Geschwindigkeit!

Natürlich stellt dieser neue Virus uns, die Gesellschaft, die Medizin im Besonderen vor neue Herausforderungen. Dies wird im Übrigen auf künftig gelten: Nicht umsonst hat die WHO vor Jahren schon entsprechende Pandemie-Strategien vorgegeben. Die Besiedelungsdichte in den Ballungsräumen und „Mega-Städten“ begünstigt die explosionsartige Ausbreitung, Hunger und Armut und zurückgehende öffentliche Versorgungsmöglichkeiten bilden weitere Nährböden. Die ausufernde Nahrungsmittelproduktion wird immer wieder Übergänge von Erregern zwischen Mensch und Tier mit sich bringen. Und dennoch hat, insbesondere wenn man den „politischen Raum“ auch als „symbolischen Raum“ betrachtet, die gesellschaftliche Reaktion auf „Covid-19“ eine „Mehrbedeutung“, die ich zumindest andiskutieren möchte:

In der letzten Woche las ich bei anderen Autor:innen den Begriff der „kalten Panik“. Dieser bezieht sich auf den gesellschaftlichen „Normalzustand“ der letzten Jahre: Wir wissen um die drohende Klimakatastrophe, die durch Hunger und Krieg verursachten Migrationsbewegungen und nehmen mit dem selben scheinbaren Gleichmut die ständig weiter aufklaffenden gesellschaftlichen Ungleichheiten hin. Wir sind, oben wurde es erwähnt, sogar bereit, den Ausverkauf von Gesundheitsdienstleistungen, unserer Krankenhäuser, an Aktiengesellschaften in Kauf zu nehmen, selbst wenn die Nachteile für unsere Versorgung gravierend sein könnten. Wir scheinen all dies nicht zur Kenntnis zu nehmen und statt uns an einem, möglicherweise auch intellektuell unterdurchschnittlich begabtem Verkehrsminister abzuarbeiten, gilt dieser Aufwand einer 16jährigen: Greta Thunberg.

„Kalte Panik“ meint einen Zustand, in dem dieses Wissen vorbewusst gesellschaftlich vorhanden ist, aber die Schwelle des Bewusstwerdens nicht überschritten werden darf, weil die Angst vor dem, was dann folgen würde als unbezwingbar scheint – unser gewohntes Leben wäre in Frage gestellt. Hieraus resultiert ein Spannungszustand, der auch dadurch bestimmt wird, dass der öffentliche Raum, die Nachrichten – alle relevanten Informationen dahingehend „gescannt“ werden müssen, ob sie geeignet sind, die kollektive Wahrnehmungsabwehr in Frage zu stellen oder zu durchbrechen. Für diesen Fall folgen entsprechende Abwehroperationen. Die können, wie wir gesehen haben, so stark sein, dass eine studierte Physikerin und ehemalige Umweltministerin ein dysfunktionales „Klimapaket“ als Meisterleistung und- wahrheitswidrig – als konform mit internationalen Konventionen anpreist. Wenn FFF, die „Gallionsfigur Greta“ also formulieren: I want You to panic“, dann zielt genau dies auf die fragile Abwehr und setzt entsprechende Abwehrdynamiken frei, die dann darauf zielen, diese Inhalte und Forderungen der Lächerlichkeit preiszugeben – oder zu vertagen.

Das Virus hingegen „knallt“! Es meint mich, Dich, uns, meine Großeltern, Kinder und Enkel! Es berührt meinen Abstand und die unmittelbare auch körperliche Kooperation mit anderen! Es ist unsichtbar, unmittelbar und unabweisbar! Der Pandemie, der eigenen Betroffenheit gegenüber nutzen die eingeübten ritualisierten Muster nicht mehr – sie durchbrechen zunächst den Schirm der individuellen wie kollektiven Abwehr und setzen neue Mechanismen in Kraft, die der Angstbewältigung dienen. Neben der Sinnfälligkeit vieler Maßnahmen, die wie Eingriffe in das Mietrecht, Aussetzung der Bedürftigkeitsprüfung bei „Hartz IV“-Anträgen, Kostenfreiheit in Teilen des ÖPNV – die schon immer sinnvoll gewesen wären, zeichnen sich die Abwehroperationen dadurch aus, dass sie überzogen und letztlich nicht rational begründbar sind – dies wird über die „Zahlenspiel“ und Interpretationen der Daten deutlich.

Auf einer symbolhaften Ebene könnte man, dem Vorbild des Pontius Pilatus folgend, auch vermuten, dass das empfohlene Händewaschen neben der hygienischen auch eine psychodynamische Regulationskomponente im Sinne der Schuldabwehr enthält. Es wäre spannend sich anzuschauen, wie das Horten von Klopapier in diesem Sinne zu bewerten sind.

Was bleibt? Auf jeden Fall die Erkenntnis, wieviel sich gesellschaftlich an den Rahmenbedingungen des Wirtschaftens und es Zusammenlebens bewegen lässt, wenn der politische Wille da ist. Inzwischen braucht es, wie ich meine, Zwischenrufe wie diesen hier, um die Proportionen zu beschreiben, Momente des Nachdenkens, des Aussteigens aus dem sich verdichtenden öffentlichen Diskursrahmen möglich zu machen.

Nehmen wir also den Beweis, dass zum Beispiel die „Schwarze Null“ kein Leitmotiv mehr sein kann mit in die politischen Entwürfe und Forderungen in der Zeit „nach Corona“ und vor dem nächsten Angstereignis.

https://www.fr.de/panorama/coronavirus-gesundheitsdiktatur-kolumne-13607799.html

Überflüge in Zeiten von COVID-19

Seit einigen Tagen kursiert unten beigefügtes Video in unterschiedlichen Variationen. Ich möchte dies aus meiner Sicht nicht unkommentiert lassen – auch weil ich glaube, dass Wodarg mit Vereinfachungen operiert, die ich für zumindest „schwierig“ halte und dem Diskurs, den wir brauchen, nicht gut tun können. Auch wenn man sich natürlich seine Claqueure nicht immer aussuchen kann: Die in den letzten Tagen bei KenFM und „Eva Herrmann“ gegebenen Interviews zum Thema scheinen mir zu belegen, dass Dr. Wodarg in seinem Sendungsbewusstsein auch in Kauf nimmt, von „Rechtsaußen“ vereinnahmt zu werden, respektive: Dies auch befördert.

Vorweg: Ich sehe viele Momente der materiellen Realität unter „Corona“-Zeichen kritisch. In welcher Geschwindigkeit Freiheitsrechte zur Disposition gestellt werden, „Marktbereinigungen“ stattfinden, wird uns noch lange nach dem Abklingen des jetzigen Peaks beschäftigen und es wird wahrscheinlich sehr anstrengend werden, andere Themen, etwa Ökologie, dagegen zu halten.

Zwei Beispiele: VW produziert seit Monaten auf Halde – der Produktionstop jetzt dient also auch dem Abbau von Überkapazitäten, wird dazu dienen, Zulieferer zu disziplinieren, die nicht das finanzielle Polster haben. Wenn es einen Rettungsschirm für Krankenhäuser gibt, dann auch für die Häuser der Aktiengesellschaften. „Helios“ hat eine Gewinnwarnung herausgegeben, weil sie auf Grund ihrer Personalpolitik keine Mitarbeiter:innen mehr finden, also Stationen schließen müssen. Nun sind „Asklepios“ und „Mediklin“ ganz ähnliche raubtierkapitalistische Kraken – wie verhindern wir, dass das eingesetzte öffentliche Kapital in Dividenden fließt? Lässt sich dieser Schritt als ein erster in Richtung auf Re-Kommunalisierung des Gesundheitswesens nutzen?

Doch zum Video: Ich gehe mit Wodarg in der Feststellung mit, dass „Corona“-Viren ubiquitär sind. Das ist aber nicht das Problem: Es geht um spezifische Mutationen und das hieraus resultierende Gefährdungspotential. Als Beispiel: Hunde und Wölfe sind beides „Caniden“ – von einem Dackel jedoch auf das Verhalten eines freilebenden Wolfes zu schließen, würde uns nicht einfallen.

Auch das Argument der unterschiedlichen Testungsweisen ist ein polemisches: Natürlich haben die Italiener höhere Fallzahlen, weil sie alles testen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und natürlich wird das den Letalitätsindex, also die Zahl, die angibt, wieviel Todesfälle auf eine bestimmte Anzahl erkrankter Menschen (bezogen auf das jeweilige Krankheitsbild) verzerren. Das ist aber ein triviales Argument: Bei HIV sind die Menschen auch „im Vollbild“ und nicht „am Vollbild“ verstorben. D.h., todesursächlich waren letztlich andere Erkrankungen, häufig auch solche, mit denen ein gesundes Autoimmunsystem hätte umgehen können. Dennoch gibt diese extensive Testweise wahrscheinlich einen besseren Überblick über die Gesamtbelastung als selektive Testungen dies könnten. Die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, auf großflächige Testungen zu verzichten – wie es z.B. der Werra-Meißner-Kreis derzeit tut und einfach davon auszugehen, dass jede:r gleichermaßen betroffen sein müsste, kann ich nicht beantworten.

Um zum Eingangsargument zurückzukehren – der Frage, ob „Corona“ nicht „zu uns“ gehört und wie wir zukünftig damit umgehen, ist nicht einfach zu beantworten, ich will es mit zwei Beispielen kurz diskutieren: HIV und Ebola.

Bei beiden überschneiden sich in der Epidemiologie, der öffentlichen Wahrnehmung und im Umgang vielschichtige medizinische, koloniale und rassistische Aspekte. Ich möchte es am Beispiel „HIV“ illustrieren: Es scheint Viren zu geben, die „autochthon“, bezogen auf bestimmte Gebiete, möglicherweise auch Spezies, „kreisen“: Einige von ihnen liefern wohl auch evolutionären Entwicklungsschübe, manche gehen auch zwischen Spezies „über“, d.h., sie bleiben nicht auf bestimmte Säugetierarten beschränkt. Für HIV lässt sich das ursprüngliche Verbreitungsgebiet einigermaßen eingrenzen: Erst die kolonialistische Rohstoffverwertungspolitik, die dadurch veränderte Form der Warenströme in Afrika und die mittelbar durch die imperialistische Politik beförderte Binnenmigration auf diesem Kontinent haben wohl zu einer großflächigeren Verbreitung geführt: So hat man aus archivierten Gewebeproben der Krankenhäuser in Kinshasa hochgerechnet, dass 1969 über 70% der damaligen Patient:innen positiv waren. Die „Bluternte“ und der „Sextourismus“ der 70er-Jahre haben zu einem massiven Übergang in die Länder des globalen Nordens geführt: Die Bedarfsdeckung für alle möglichen speziellen Blutpräparate, „gecrackte“ Teile des Serums hat dazu geführt, dass die europäischen Blutspender den Bedarf nicht decken können, also hatten Spender in den Slums von Nairobi etc. hierüber eine Einkommensquelle. Das war übrigens Anfang der 80er auch so darstellbar, hat aber in der öffentlichen Debatte um „HIV“ keine Rolle gespielt, sondern rassistischen Argumentationsmustern Platz machen müssen:

Die Identifikation eines schwulen Flugbegleiters als „Patient Nr.1“ hat zu einer massiven Stigmatisierung von Homosexuellen geführt, was aber noch unerträglicher ist: Das „Rote Kreuz“ in Deutschland und Frankreich, als „Provider“ von Blut und Derivaten marktbeherrschend, wusste von der Kontamination der Produkte, haben aber auf Testung verzichtet, weil gesetzlich nicht vorgeschrieben und zu teuer. D.h., Mensch – im Übrigen auch in meinem Umfeld – sind über verseuchte Konserven infiziert worden und gestorben, ohne dass dies ausreichend skandalisiert wurde, respektive zu einer Diskussion über die Sinnfälligkeit der Delegation solcher „Gemeinwohlaufgaben“ an „Private“ geführt hätte – mit Folgen bis heute.

Für „Ebola“ stellt sich das Bild ähnlich dar: Die Überfischung der küstennahen Gewässer, Rodung und Umwandlung von Wäldern in Palmölplantagen und andere Gründe haben dazu geführt, dass Siedlungs- und Ökosysteme in Bewegung geraten sind. Die Entwicklung von Impfstrategien und eines entsprechende Impfstoffes war lange unterblieben, weil nicht lukrativ genug. Beides ist erst geschehen, als deutlich wurde, dass mit einer letztlich nur militärisch durchsetzbaren Quarantäne-Politik der globale Norden nicht hinreichend geschützt werden könnte. Die neuerlichen Ausbrüche in der letzten Zeit hatten in Europa nur noch geringen Nachrichtenwert. Hier stand dann häufig im Vordergrund, dass die autochthone Bevölkerung Krankenhäuser und Isolierstationen überfallen und zerstört hat. Die Legende, dies geschehe, weil die „Krankheit“ als von den Kolonialherren böswillig verbreitet geschehe. Die Impfstrategien als Herrschaftsmittel zu betrachten, die kurativen Strategien als Teil der immer gleichen kolonialistischen und rassistischen Strategien zu sehen, scheint aus Sicht der Industriestaaten als propagandistisch beförderter Irrglauben gedeutet werden zu können. Die Anerkennung dieser Deutungsweise als berechtigte Folge eben der imperialistischen Herrschafts- und Aneignungspolitik – und damit als zumindest nachvollziehbar – zu sehen, bleibt hier untersagt und die Widerstände vor Ort werden als „Folklore“ deutbar. Was unterbleibt sind Strategien, die eben diese Kolonialgeschichte reflektieren und entsprechend sensible Aufklärungs- und Interventionsstrategien speisen

Was ich damit sagen will ist, dass wir nach der „Corona-Krise“ erst wirklich in den gesellschaftlichen Stress-Test geraten werden und es wichtig ist und bleibt, gute Argumente nicht mit „Verschwörungstheorien“ zu kontaminieren, in denen etwa die jetzige Pandemie als „Marketing-Strategie“ einiger Virologen und Konzerne denunziert wird. Das Beantragen von Fördermitteln und Sorgen um die notwendige Finanzierung von Testreihen, Personal usw. ist originäre Aufgabe einer Institutsleitung: Hieraus ein originäres Profitstreben abzuleiten, halte ich für mindestens fahrlässig, wenn nicht bösartig.

Wenn wir – und ich bin in der Tat der Meinung dass dies notwendig ist – die Bedingungen dieser Krise analysieren wollen und auch zur gesellschaftlichen Veränderungen im Sinne einer „Gemeinwohlorientierung“ beitragen wollen, sind wir in einer besonderen Verantwortung, was Fakten und Faktenchecks angeht.